Veranstaltung 11. - 12.06.2015

Konferenz Wissenschaftlicher Fortschritt in den Sozial- und Humanwissenschaften

Programm

Programm (PDF-Version)

Konferenz am 11. und 12.06. 2015
Ort: Bibliotheca Albertina, 1. OG

 

„Ich muss sagen, dass ich in meiner ganzen wissenschaftlichen Karriere noch nie auf einer Konferenz war, auf der ich so geballt so tolle und inspirierende Vorträge gehört habe, die dann auch noch kurz darauf so hochkarätig publiziert wurden.“

Stefan Schmukle, Psychologie Leipzig.

Donnerstag 11.06.

14.30 Uhr

Roger Berger, Thomas Bartelborth (Universität Leipzig):
Begrüßung

 

15.00 Uhr

Alexander Christian (Universität Düsseldorf):
Zur Unterdrückung von Evidenz in der Humanmedizin

 

16.15 Uhr

Stefan Schmukle (Universität Leipzig):
Fragwürdige Forschungspraktiken und Datenfälschungen in der Psychologie

FOLIEN

17.00 Uhr

Frank Renkewitz (Universität Erfurt):
Reproduzierbarkeit empirischer Befunde in der Psychologie

Publikationshinweis:

https://www.sciencemag.org/content/349/6251/aac4716.abstract

Freitag 12.06.

9.00 Uhr

Katrin Auspurg und Andreas Schneck (Universität Frankfurt):
Warum wir immer noch auf der Stelle treten – Publication Bias in Meta-Analysen

 

9.45 Uhr

Ivar Krumpal (Universität Leipzig):
Plagiate in studentischen Arbeiten. Individuelle Entscheidungen und soziale Konsequenzen in der gegenwärtigen Krise an Universitäten

FOLIEN

 

11.00 Uhr

Martin Voracek (Universität Wien):
Neue diagnostische Tools zur Bewertung der Evidentialität empirischer Forschungsbefunde

FOLIEN

 

11.45 Uhr

Christoph Spörlein, Elmar Schlüter, Johannes Ullrich :
(Universität Bamberg/Giessen/Zürich)
Crowdsourcing data analysis: a collective strategy to increase transparency in scientific findings

Publikationshinweis: http://www.nature.com/news/crowdsourced-research-many-hands-make-tight-work-1.18508

FOLIEN

 

Sie sind herzlich eingeladen. Keine Anmeldung erforderlich!
Das Zentrum für Quantitative Empirische Sozialforschung ist ein Verbund von Wissenschaftlerin-
nen und Wissenschaftlern Leipziger Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die sich mit der
Entwicklung und Anwendung von quantitativen Methoden der empirischen Sozialforschung be-
schäftigen. http://www.quantel.uni-leipzig.de

 

 

Call for Paper

 

(verlängert bis zum 22.4.2015/extended until the 22th April 2015)

 

Deutsch: CfPWissenschaftlicherFortschritt20152

English Version: CfPScientificProgress20152

Wissenschaftlicher Fortschritt in den
Sozial- und Humanwissenschaften?
Konferenz von QuanteL

 

Zentrum für Quantitative Empirische Sozialforschung Leipzig ‚
am Do. 11./Fr. 12. Juni 2015 an der Universität Leipzig
Empirisches Wissen ist niemals absolut sicher. Dennoch geht man üblicherweise davon
aus, dass wissenschaftliche Methoden zu verlässlichen Erkenntnissen führen und
dadurch wissenschaftlichen Fortschritt fördern.
In den letzten Jahren wurde diese Überzeugung allerdings immer wieder auf verschiedene
Weise in Frage gestellt. Nicht-reproduzierbare Studien erschütterten in
verschiedenen Disziplinen als gesichert angenommene Befunde. Es wurde deutlich,
dass Falsikationen häug in der Schublade verschwinden. Publiziert werden wesentlich
positive Ergebnisse (publication bias).
Gleichzeitig steigen die Publikationszahlen disziplinübergreifend stark an. Dies erfordert
eine ständig steigende inhaltliche Spezialisierung, weil es für Einzelne immer
schwieriger wird, gröÿere Gebiete zu überblicken. Die steigenden Veröentlichungszahlen
erscheinen auÿerdem paradox: Angenommen Wissensfortschritt beinhaltet,
dass immer mehr Fragen zufriedenstellend beantwortet werden, dann sollten die
Veröentlichungszahlen eigentlich sogar sinken.
Diese und andere Umstände werfen Fragen in Bezug auf
wissenschaftlichen Fortschritt‘
auf:
1. Was ist unter wissenschaftlichem Fortschritt zu verstehen?Welche Ziele werden
bei diesem Fortschritt angestrebt? Geht es um einen quantitativen Zuwachs,
eine Akkumulation von Fakten oder sind bestimmte qualitative Merkmale nö-
tig?
2. Was sind Beispiele für tatsächliche Fortschritte in einem Forschungsfeld und
was sind Beispiele für Pseudo-Fortschritte (
Alter Wein in neuen Schläuchen‘)?
3. Welche Chancen bieten die oben genannten Herausforderungen und welche
Hindernisse stehen einem wissenschaftlichen Fortschritt im Weg? Liegen die
Hindernisse vor allem in den Untersuchungsmethoden, in statistischen Verfahren
oder behindern Probleme der Theoriebildung (bzw. die Abwesenheit von
Theorien) den Erkenntnisfortschritt? Welche Lösungen sind denkbar, welche
wurden bereits schon versucht (mit welchem Erfolg)?

4. Inwiefern ist eine zunehmende inhaltliche Spezialisierung dem wissenschaftlichen
Fortschritt zuträglich und inwiefern behindert sie diesen?
Wir freuen uns auf Vorträge, die sich mit den genannten Fragen und/oder den
folgenden Problemfeldern auseinandersetzen: publication bias, Datenfälschung, Forschungsartefakte,
big data, theoriefreie Forschung, modernen wissenschaftlichen Anreizsysteme,ihre Folgen und mögliche Alternativen dazu.

 

Die Konferenz wird auf Deutsch und Englisch abgehalten. Bitte senden Sie ihr Abstract
(max. 1 Seite) bis zum 17. April 2015 per E-Mail an:
wissfortschritt@uni-leipzig.de

QuanteL  Das Zentrum für Quantitative Empirische Sozialforschung ist ein Verbund
von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Leipziger Hochschulen und
Forschungseinrichtungen, die sich mit der Entwicklung und Anwendung von quantitativen
Methoden der empirischen Sozialforschung beschäftigen.

Mehr Informationen
unter: http://www.quantel.uni-leipzig.de

Organisation:
David Hardecker
Universität Leipzig, Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie
Institut für Philosophie, Abt. Logik und Wissenschaftstheorie
Beethovenstr. 15, 04107 Leipzig
E-Mail: wissfortschritt@uni-leipzig.de

 

Roger Berger
Ein persönliches Fazit zur QuanteL-Konferenz „Wissenschaftlicher Fortschritt in den Sozial- und Humanwissenschaften“

PDF-Version
Es gibt auf der Konferenz einen prinzipiellen Konsens – und zwar aus philosophisch-wissenschaftstheoretischer Sicht, wie auch aus empirischer Sicht – dass wissenschaftlicher Fortschritt
a) prinzipiell möglich und
b) mit einer wie auch immer gearteten fortschreitenden Annäherung an „wahre“ Werte und kausale Zusammenhänge verbunden sein muss.
Grosso modo wird also davon ausgegangen, dass z.B. so etwas wie der kritische Rationalismus funktioniert und zu wissenschaftlichem Fortschritt führt.
Gleichzeitig gibt es ebenfalls einen Konsens darüber, dass Bedenken anzumelden sind, ob ein solcher Fortschritt empirisch tatsächlich stattfindet. Dies gilt in jedem Fall für die Fächer, die auf der Konferenz vornehmlich verhandelt wurden (Psychologie, Soziologie, Ökonomie, weniger auch Medizin), aber sicherlich auch für andere Disziplinen in den Sozialwissenschaften.
Der Grund für dieses Scheitern (womöglich immer schon) scheint darin zu bestehen, dass in der Wissenschaft nicht – wie im humboldtschen Ideal vorgesehen – ein herrschaftsfreier Diskurs, Rousseauscher Dialog oder Ähnliches stattfindet, der zu der geforderten Annäherung an die Wahrheit führen könnte.
Die Akteure in der Wissenschaft verfolgen vielmehr – so wie in sehr vielen, wenn nicht allen anderen Lebensbereichen auch – ihre eigenen Ziele und haben nicht oder nicht nur das kollektive Gut „Annäherung an die Wahrheit“ im Blick. Diese persönlichen Ziele können dabei in zwei Gruppen eingeteilt werden: Direkter materieller Gewinn (Profit) und akademische Karriere (Status, Sicherheit und materieller Gewinn).
Beispiele für Profitstreben werden wesentlichen aus der medizinischen Forschung, z.B. der Pharmaindustrie berichet. Die enormen Summen, die in dem Bereich verhandelt werden sind ein starker Anreiz ggf. vom Ziel der Wahrheitsfindung abzuweichen (also z.B. ein nicht-wirksames Präparat als wirksam zu deklarieren). Unter der obigen Prämisse, dass es eine Wahrheit aber unabhängig vom Forschungsprozess gibt (also per se wirksame oder unwirksame Präparate) kann allerdings erwartet werden, dass der Konkurrenzdruck, der einerseits deviantes Wissenschaftsverhalten befördert, andererseits auch dazu führt, dass andere Akteure dies aufdecken um ihrerseits die damit verbundenen Profite zu realisieren. So führen Pharmafirmen z.T. eigenständig Replikationen von Grundlagenforschungsexperimenten durch, weil sie offenbar entsprechenden Ergebnissen nicht vertrauen und ihr Geschäft nicht auf womöglich nicht validen Befunden aufbauen wollen.
Im Bereich der akademischen Karriere bestehen die Anreize darin, sich einer wissenschaftlicher Schule verpflichtet zu fühlen. Dies können in einzelnen Disziplinen verschiedene Aspekte sein (z.B. in der Ökonomik im Bereich der Mindestlohnforschung). Über verschiedene Disziplinen hinweg hat sich zudem
politische Korrektheit als maßgeblicher Anreiz etabliert vom Ziel der Wahrheitsfindung abzuweichen (vgl. z.B. die sehr umfangreiche Literatur zum – nach Ansicht der anwesenden Psychologen – wahrscheinlich nicht existenten „stereotype threat effect“ in der Psychologie, der in immer neuen Formen gefunden wird). Es ist unklar ob es für diese Form der Abweichung von der Wahrheitsfindung eine Selbstkorrektur stattfindet. Der Grund liegt darin, dass es keinen direkten Anreiz gibt von den wissenschaftspolitisch vorgegeben bzw. politisch korrekten Normen abzuweichen, da selbst eine „erfolgreiche“ Abweichung vermutlich keinen mittelbaren Gewinn, sondern sogar eher Probleme nach sich zieht.
Insgesamt liegt hier damit ein soziales Dilemma vor. Es ist günstig für alle, wenn sich alle anderen stets um den wissenschaftlichen Fortschritt bemühen. Individuell günstiger ist es jedoch, davon abzuweichen weil eines der beiden (oder beide) individuellen Ziele dadurch verwirklicht werden können. Dies ist insbesondere auch der Fall weil die erwarteten Sanktionskosten auf allen Ebenen quasi gegen Null gehen.
Die Modellierung als soziales Dilemma zu Herstellung eines Kollektivgutes zeigt gleichzeitig auf, welche Lösungen es für dieses Dilemma geben kann: Die Lösungen liegen auf einem Kontinuum mit den folgenden beiden Polen:
a) „Staatslösung“: Ein dritter Akteur wird beauftragt und dafür entschädigt, dass er die Verfolgung der Norm „wissenschaftlicher Fortschritt“ überwacht und ggf. sanktioniert. (Vgl. z.B. die Federal Drug Administration in den USA im Pharmabereich).
Diese Lösung wurde für die Sozial- und Humanwissenschaften bisher kaum vorgeschlagen und noch weniger umgesetzt.
b) „Marktlösung“: Dem akademischen System gelingt es, sich selbst zu organisieren indem neue institutionelle Anreize geschaffen werden. Hier mangelt es nicht an Vorschlägen (Erhöhung der Transparenz, Reputationslösungen, Reduktion der Zahl der Paper, institutionalisierte Replikationen usw.)
Insgesamt ist bisher völlig unklar, welche Lösungen effizient wären, ebenso wie welche sich evtl. durchsetzen werden. Es kann aber festgehalten werden, dass das Thema, das an der Konferenz verhandelt wurde definitiv im akademischen Mainstream angekommen ist. Dies zeigt die Veröffentlichung von zwei Beiträgen, die auf der Konferenz vorgetragen wurden, in Science und Nature.
-Silberzahn und Uhlmann 2015: Many hands make tight the work. Nature 526: 189-191. Vgl. den Vortrag von Spörlein, Schlüter, Ullrich: Crowdsourcing data analysis: a collective strategy to increase transparency in scientific findings.
– Open Science Collaboration 2015: Estimating the reproducibility of psychological science. Science 349: aaa4716-1 – aaa4716-8. Vgl. den Vortrag von Renkwitz: Reproduzierbarkeit empirischer Befunde in der Psychologie.

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